Polizeinotruf in dringenden Fällen: 110

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00.13 Uhr: Der Kapitän verlässt die "Brücke"

Einsatzfahrt
00.13 Uhr: Der Kapitän verlässt die "Brücke"
Der Abteilungsleiter der Siegen-Wittgensteiner
Polizei, Leitender Polizeidirektor Wilfried Bergmann, und sein
Leiter der Siegener Polizeiwache, Hauptkommissar Theis, hatten
zusammen klammheimlich einen Plan geschmiedet, um einem ihrer
verdienten Beamten jetzt eine schöne Überraschung zu bereiten.

Die beiden leitenden Beamten wollten nämlich noch am späten
Mittwochabend höchst selbst auf der Siegener Polizeiwache erscheinen,
um dort dann einem ihrer Dienstgruppenleiter seine längst erwartete
Beförderungsurkunde persönlich zu überreichen. Und das ganze vor
versammelter Mannschaft, sprich im Beisein der kompletten
Dienstgruppe.

Das also war der Plan. Würde bestimmt eine schöne Sache werden:
Geselliges Beisammensein, nette, freundliche Worte, freudige
Gesichter...so dachten die beiden Chefs.

Und dass dann alles ganz anders kam, wer weiß das schon im Voraus.
Auch Polizeichefs verfügen über nun mal über keine Glaskugeln....

Das heißt, eigentlich hätten die beiden Strategen es sich auch
irgendwie denken können,  hatte man beiden doch - als sie selbst noch
jung waren - doch immer wieder eingetrichtert, dass nun mal bei der
Polizei kein Tag wie der andere ist. Und in über vierzig
Dienstjahren, die beide mittlerweile (jeweils!) auf ihrem Buckel
hatten, da hatte sich diese Wahrheit doch auch immer wieder
bestätigt....

So wurde denn - nachdem die beiden hohen Herren zur Verwunderung
ihrer Kollegen zu nächtlicher Stunde auf der Polizeiwache erschienen
waren - auch der erste Strich durch ihre Rechnung in Form einer
Alarmauslösung gemacht: Aktueller Einbruch in ein Geschäft in
Geisweid, Täter flüchtig! Und das heißt für die Polizei : Alle Mann
raus - und zwar sofort!  Und bereits Sekunden später eilten fünf
Streifenwagen mit Blaulicht und Martinshorn gen Geisweid.

Zurück blieben ein Leitender Polizeidirektor, ein Wachleiter - und
eine Beförderungsurkunde.

Nachdem dann die Polizeikräfte aus dem Einsatz auf die Wache
zurückgekehrt waren, da, so dachten Bergmann und Theis -  konnte es
nun endlich zur Sache gehen und der zu befördernde Kollege würde
endlich statt seiner bisher drei vier silberne Sterne auf seinen
Schulterklappen tragen dürfen.

Doch stattdessen gab es erst einmal Radau und Randale im Bereich
der Polizeiwache. Ein vorläufig festgenommener 27-jähriger Straftäter
drehte vollkommen durch und leistete bei seiner beabsichtigten
erkennungsdienstlichen Behandlung massiven Widerstand, indem er wie
wild um sich schlug und trat. Das nun ist für die Polizei auch nichts
Ungewöhnliches. Nicht jeder ist halt mit polizeilichen Maßnahmen
einverstanden. Und dann müssen solche Maßnahmen unter Umständen
zwangsweise durchgesetzt werden. In diesem Fall waren allerdings
gleich fünf Beamte notwendig, um den wie von Sinnen Rasenden zu
bändigen. Darunter - und das wusste sicherlich der 27-Jährige nicht,
sonst hätte er es sich vielleicht auch anderes überlegt - war auch
zufällig ein junger Polizeioberkommissar, der seines Zeichens
immerhin Internationaler (Polizei-)Weltmeister in Selbstverteidigung
war...

Doch bereits zum zweiten Mal an diesem Abend waren nunmehr viele
Beamte intensiv und anderweitig  beschäftigt - und unsere Urkunde
wartete noch immer sehnsüchtigst auf ihre Aushändigung.

Durchaus interessant war jedoch die Geschichte, die sich hinter
dem festgenommenen 27-Jährigen verbarg. War dieser doch bereits am
Dienstag dabei erwischt worden, wie er versucht hatte, bei einem
Gebrauchtwagenhandel an der Weidenauer Straße einen Mercedes Benz
kurzzuschließen und zu entwenden. Diesmal war der einschlägig bereits
bekannte 27-Jährige allerdings dabei in dem Daimler eingeschlafen -
und dann von der Polizei festgenommen worden. Und wie sich dann im
weiteren Verlauf der Ermittlungen heraus stellte, hatte der
Wohnsitzlose den Mercedes auch eigentlich nur deshalb entwenden
wollen, um diverse Lebensmittel, die er zuvor bei einem Einbruch in
einen benachbarten Imbiss erbeutet hatte, zu seiner armen Mutter zu
transportieren. Nun, dieser selbstlose Versuch war ja nun erst einmal
gescheitert.

Nachdem der 27-Jährige dann im weiteren Verlauf nach Abschluss der
notwendigen polizeilichen Maßnahmen wieder aus dem Polizeigewahrsam
entlassen werden konnte, da bewahrheitete sich wieder einmal mehr die
altbekannte Polizei-Wahrheit, dass ein Täter immer an der Tatort
zurückkehrt. So auch unsere 27-Jähriger, der sich auf direktem Weg
noch einmal auf zu dem Mercedes machte, da er darin zwei eigene
Kreditkarten versteckt hatte. Und diese wollte er sich nun
zurückholen. Immerhin,... sie waren ja sein Eigentum. Dumm nur, dass
er dazu zum zweiten Mal in der mittlerweile von dem
Gebrauchtwagenhändler gesicherten Mercedes einbrechen musste. Dabei
wurde unser Held dann natürlich noch einmal vorläufig festgenommen.
Und wieder hieß es für ihn:  Zurück ins Polizeigewahrsam. Man möchte
fast meinen, es gibt Menschen, die fühlen sich hier wohl. Wobei die
nackten, kahlen Wände eines Polizeigewahrsams nun wirklich keine
sonderlich wohlige Atmosphäre ausstrahlen....

Apropos, "Ja, das ist doch mein Eigentum" und apropos unsere
beiden Polizeichefs, die am Mittwochabend immer noch unverrichteter
Dinge auf der Polizeiwache warteten. Denen fiel nämlich plötzlich in
einem Gang ihres Dienstgebäudes eine junge Polizeikommissarin auf,
die dort einen Trolley hinter sich her zog.

Und dieser Umstand erregte nun doch das Interesse des Leitenden
Polizeidirektors. Ein Trolley gehört nun mal sicher nicht zu den
persönlichen oder dienstlichen Ausrüstungsgenständen eines
Polizeibeamten bzw. einer Polizeibeamtin. Was also ging hier vor?
Befand sich eine seiner Beamtinnen auf einer Reise, von der der
Polizeichef nichts wusste?  Fragen also, Fragen über Fragen, auf
deren Antworten man nun gespannt wartete.

"Ja, da sind meine Sachen drin, die mir im Juni bei einem Einbruch
in meine Wohnung entwendet worden sind. Die Kollegen der Kripo hatten
die Sachen sichergestellt und sie mir heute wieder ausgehändigt."
Aha, also ein Einbruch bei einer Polizistin. Da ist natürlich
besonders dreist. Aber auch das passiert. Und woher soll ein
Einbrecher auch wissen, dass hier oder da ein Ordnungshüter wohnt.
Amtliche Polizeisterne und -wappen befinden sich nun mal nur auf
Dienstgebäuden. Und nur da trauen Einbrecher sich freiwillig nicht
rein...

Tatsächlich waren Einbrecher in der Nacht vom 16. auf den 17.
06.2017 in Geisweid in die Wohnung der Beamtin eingebrochen und
hatten dabei neben EC-Karten und Bargeld, diversen Computerteilen,
Schmuck, einem Muffinmaker und einem Wecker auch noch mehrere
Küchengeräte (darunter einen Toaster) der Beamtin entwendet.

All solche Sachen halt, die man fast notwendigerweise braucht,
wenn man beabsichtigt, einen eigenen Hausstand zu begründen oder
bestehende Haushalte sinnvoll zu erweitern.

Und eben genau dies hatte eine osteuropäische Einbrecherband im
Sinne, die dann allerdings in der Nacht zum 04.07.2017 bei einem
Einbruch in eine Weidenauer Apotheke in der Gärtnerstraße von der
diesbezüglich alarmierten Polizei "Hopps" genommen, sprich vorläufig
festgenommen werden konnte (wir berichteten hierzu bereits umfänglich
mit ots-Pressemeldung vom 06.07.2017). Da das Schicksal aber mitunter
durchaus ausgleichende Gerechtigkeit bereithält, war die zuvor bei
dem Einbruch geschädigte Polizeikommissarin eine derjenigen
Einsatzkräfte, die in der Nacht zum 04.07.2017 an der erfolgreichen
Festnahme der Einbrecherbande höchst selbst beteiligt war. Da wusste
die junge Beamtin allerdings noch nicht, dass die von ihr
Festgenommenen "diejenigen, welche" waren. Dieser Umstand ergab sich
erst im Verlauf der weitern kriminalpolizeilichen Ermittlungen, als
man bei Durchsuchungsmaßnahmen bei den festgenommenen Bösewichten
unter anderem den bei der Kommissarin entwendeten Toaster sowie
sonstige weitere Beweismittel sicherstellen konnte.

Nun, also, endlich! Nachdem sich also auch diese spannende
Kriminalgeschichte in Wohlgefallen aufgelöst hatte und dem
Polizeichef klar war, was es mit dem Toaster und dem Trolley auf sich
hatte, da endlich - die Uhr hatte allerdings bereits nach Mitternacht
geschlagen - da kehrte auch auf der Polizeiwache Siegen Ruhe ein.
Und, was lange währt, währt endlich gut: Unsere Beförderungsurkunde
fand schlussendlich doch noch ihren aufgedruckten Adressaten - und
ein Polizeihauptkommissar trägt nun Schulterklappen mit einem Stern
mehr auf jeder Seite. Und im Protokoll des Wachhabenden ist kurz und
knapp zu lesen: "Dienstgruppenleiter unter Schwierigkeiten vom
Polizeichef befördert. 00.13 Uhr: Der "Kapitän" verlässt die Brücke".